Universität Leipzig

Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften

Abteilung für Allgemeine und Spezielle Journalistik

3-82 Werkstatt Online-Medien

Dozenten: Susanne Jaschko und Anja Schwanhäußer

Referentin: Ricarda Gruhl                                      25.06.2003

 

Taktiken der Bemächtigung

 

Strategie:

„Künstler nutzen das Internet, um Macht neu zu verteilen, den Einzelnen zu bemächtigen“

 

Menschen werden auf verschiedenste Weise bemächtigt. Entweder so, dass sie eigenständig miteinander etwas verändern können (gemeinschaftlich auf lokaler oder internationaler Ebene) oder dass Ihnen geholfen wird, mehr aus Ihrem eigenen Leben zu machen, vorgegebenen Strukturen nicht ausgeliefert zu sein. Weder staatliche noch ökonomische Macht soll ihnen  aufzwingen, ein vorgegebenes Leben zu führen, ohne daran viel ändern zu können. Dafür treten die folgenden Gruppen ein.

 

Superflex

·                     Künstlergruppe aus Kopenhagen bestehend aus Bjørnstjerne Christiansen, Jakob Fenger and Rasmus Nielsen, wurde 1993 gegründet

·                     Projekte wie Karlskrona2, Wolfsburg2, Superchannel, Musiksystemm

Zielgruppe:

-          Bürger der Stadt Karlskrona (bzw. Wolfsburg), die mit Hilfe des Projekts in die Lage versetzt werden sollen, in der virtuellen Stadt Karlskrona2 Veränderungen selbst erwirken zu können und zu sehen, wie sich das auswirkt

Motiv:

-          Digitale Kopie soll der realen Stadt ebenbürtig sein, beide Städte sollen sich in der Entwicklung gegenseitig beeinflussen

-          Soziale, wirtschaftliche, politische Strukturen sollen aufgebrochen werden à jeder ist sich ebenbürtig à Geld und Macht zählen nicht

-          Normen und Regeln sollen sich immer wieder verändern

Hintergrund:

-          Macher hoffen, dass die virtuelle Veränderung auf die reale Welt zurückgreift

Kanäle:

-          Internet à Community für die Bürger von Karlskrona, die Internetempfang haben oder über andere Wege ins Internet gehen können

-          Großbildschirm im Inneren der realen Stadt Karlskrona

Resultate:

-          schwer zu bekommen durch Pressereaktionen u.ä., auch von der Aktion selbst nicht viel mitzubekommen, da abgegrenzt!

 

Electronic Disturbance Theater mit ihrer Software FloodNet à Virtuelle Sit-Ins

·                     Gruppe von Online-Aktivisten (gegründet von Ricardo Dominguez, Stefan Wray, Carmin Karasic und Brett Stalbaum) à „Hacktivisten“

·                     Konzipierten die Software FloodNet für die Unterstützung der Zapatistas im Kampf gegen die mexikanische Regierung – als Online-Protest zusätzlich zu den Straßenprotesten

Zielgruppe:

-          Gegner, die zuviel Macht im Internet (und auch offline) haben oder haben wollen, die schlecht sind (im Sinne von Betrügereien oder ähnlichem), bzw. eben die Betreiber der „angegriffenen“ Seiten

-          User, die die FloodNet-Software installieren sollen

Motiv/ Hintergrund:

-          User sollen bemächtigt werden, sich zu wehren und in einer großen Menge von Leuten etwas zu erreichen und zu protestieren

-          Zeichen gegen neue Kommerzialisierung im Internet

-          Internet weiteres Mittel („Werkzeug“) zum Widerstand gegen bestehende Probleme neben Offline-Demos und –Aktionen à Sit-Ins stehen nie für sich alleine, sondern nur in Verbindung mit anderen Aktionen, keine rein elektronischen Kundgebungen

Kanäle:

-          FloodNet-Software

-          je mehr Besucher, desto schneller wird Server lahm gelegt

-          Software also durch EDT verbreitet, aber auch durch die Leute, die die Software weiterentwickeln, für sich selbst nutzen oder auf ihrer Homepage bereitstellen (verbreitet sich fast wie ein Virus?!)

Resultate:

-          ziviler elektronischer Widerstand in Form von virtuellen Sit-Ins gerade dann erfolgreich, wenn dies bei Seiten geschieht, die nur über virtuelle Präsenz verfügen, darauf also angewiesen sind! (Beispiel etoys)

-          viele Nachahmer bzw. Weiterentwickler

-          Gegner schimpfen, dies sei kein „echter“ Protest oder einfach nur Blockierung der Bandbreiten

 

Heath Bunting und BorderXing Guide-Client

Zielgruppe:

-          alle, die wissen wollen, wie man illegal über die Grenzen kommt

Motiv:

-          durch Grenzen der Seite aufzeigen, dass Internet auch viele Grenzen hat und kein „freier“ Raum ist

-          Menschen ermöglichen, illegal (ohne Papiere) über Grenzen Europas zu kommen

Hintergrund:

-          Bemächtigung ohne Papiere zu reisen (so wie Flüchtlinge es tun müssen)

Kanäle:

-          BorderXing Guide-Client ( http://irational.org/cgi-bin/border/clients/list.pl ) - jeder, der diese Seite ansehen will, muss sich zuerst dort anmelden

Resultate:

-          Server, die angemeldet sind, sind alle öffentlich zugänglich – darauf achtet Bunting

-          Frage, ob die Leute, die die Informationen bräuchten, auch wirklich Zugang dazu haben!? à erstellt selber wieder Grenzen (wenn auch vielleicht nur anscheinend)

 

Minerva Cuevas und das Projekt „Mejor Vida Corp.“

 

·                     Die Firma für „besseres Leben“

·                     entstanden 1998 aus einer Aktion der Künstlerin

Zielgruppe:

-          keine bestimmte Zielgruppe, Minerva möchte jeden erreichen über das Internet, den sie erreichen kann

Motiv:

-          die Leute dazu zu bringen, über alltägliche Dinge neu nachzudenken, sie mit anderen Augen zu sehen

-          Minerva sieht in der Firma sowohl Kunst als auch politische Kraft und „social activism“

Hintergründe:

-          hat diese Firma gegründet, um ins öffentliche Leben einzugreifen und sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen

-          sie simuliert ein kapitalistisches System

Kanäle:

-          Firma mit Sitz in Mexiko-City und komplettem Internetangebot ( http://irational.org/mvc/english.html - gefälschte Studentenausweise oder Strichcodes)

-          Minerva verteilt auch in der U-Bahn Tickets an Bedürftige, verteilt Lotterielose oder schreibt gefälschte Beurteilungen für Arbeitslose

Resultat:

-          kurzfristig hilft sie den Menschen – verteilt Güter kostenlos und ermöglicht Menschen Ergünstigungen, damit diese in Mexiko-City besser leben können

-          wie soll man so etwas jedoch finanzieren? Irgendwoher muss das Geld kommen – Kapitalismus zeigt sich und zeigt, dass Firma ohne Einnahmen irgendwann bankrott ist

-          „Sie entwirft ein System, das nur auf dem guten Willen der Menschen basiert. In einer neoliberalen Welt ist es zum Scheitern verurteilt.“

 

Knobotic Research und der Public-Domain-Scanner (Projekt Minds of Concern)

( www.krcf.org )

Zielgruppe:

-          Internetuser und Betreiber von non-governmental Seiten, aber auch eventuell Hacker

Motiv:

-          zeigen, welche Informationen verfügbar sind auf non-governmental-Seiten – eventuell Grenzen aufzeigen, wo Seiten Zutritt verweigern? , zeigt auch Schwachstellen der Seiten an

Hintergründe:

-          System „Sicheres Internet“ wird angegriffen, zwar nicht mit gefährlichen Viren, aber es zeigt die Sicherheitslücken

Kanäle:

-          Internet – Leute sollen mit Hilfe des Public-Domain-Scanners selbst prüfen können, welche Inhalte sie erhalten können und was ihnen verweigert bleibt und wo Schwachstellen der Seiten liegen

-          Knobotic Research zeigen dies aber auch bei Ausstellungen, um so viele Leute auf einmal anzusprechen und Seite bekannter zu machen

Resultat:

-          Schließung des Projektes in New York

-          Menschen missverstanden Absichten des Projektes und sorgten sich mehr um die Sicherheit der Websites und der Daten im Internet als um die Problematik des Internets, das kein freier Raum mehr ist

 

Gemeinsame Interessen aller Projekte:

·                     Grenzen des Internets zeigen

·                     Menschen vereinen, um Ihnen Kraft zu geben, etwas zu verändern

 

 

Quellen:

http://db.nextroom.at/tx/9907.html

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/5809/1.html

http://www.c3.hu/events/2000/ricardo_dominguez/cv_en.html

http://www.irational.org/irational/media/nzz_2002.html

http://amsterdam.nettime.org/Lists-Archives/nettime-l-0107/msg00160.html

http://www.krcf.org/unitedhome/barca/barca1/infoPublicScanner.htm